Trauerrede
Mit der Trauerrede leihe ich gewissermaßen Ihren Erzählungen meine Stimme. Gleichzeitig bin ich keine bloße Wiederholerin. Ich bündele, darauf bedacht, den Kern zu erfassen, und gehe gleichzeitig über das im Vorgespräch Gehörte hinaus, berücksichtige immer auch den Rahmen der Trauerfeier:
Wer sind die Gäste und wie persönlich darf oder sollte die Rede sein? Es macht einen Unterschied, ob sich die Rede eher an Kollegen richtet oder den engsten Familienkreis.
Mit welchen Gefühlen kommen die Gäste wohl? Ist der letzte Kontakt vielleicht schon länger her, gab es eine lange, die Erinnerungen überschattende Krankheitsgeschichte?
Wie kann es mir gelingen, herzlich und mitunter humorvoll zu erzählen, ohne zu kokettieren? Ich bleibe die Außenstehende, Anekdoten klingen aus meinem Mund anders als aus Ihrem.
Und umgekehrt: Wie lässt sich aussprechen, was ist, ohne dass die Rede in eine Schwere kippt? Der Anlass ist schon schwer genug.
Diese beispielhaften Fragen begleiten mich vor und während des Schreibens. Antworten brauche ich, um den richtigen Ton und den richtigen Aufbau zu finden.
Der Aufbau
Der Aufbau ist immer verschieden. Eine Rede kann metaphorisch durchdrungen sein, sie kann ebenso chronologisch durch das Leben führen. Sie ist niemals ein Nacherzählen von Stationen.
„Lebendig aus dem Leben erzählen“ bedeutet für mich, über ein Benennen hinauszugehen, bedeutet ein Mitnehmen, ein Eintauchen in eine Biografie, ein Verlebendigen einer geteilten Vergangenheit und ein Verbinden im Moment.
Spendet die Rede Trost?
Ich glaube keine Frage ist für mich so schwierig zu beantworten wie diese. „Ich kann nicht trösten, aber ich weiß, dass es Trost geben kann“, hat Navid Kermani in einer Rede einmal gesagt. Es war eine Trauerrede. Ich empfinde es ähnlich. „Ähnlich“, weil ich merke, dass (meine) Worte durchaus ein Gefühl von Trost stiften können. Mein eigentliches Ansinnen ist es aber nicht. Für mich ist Trost eher verbunden mit einer Umarmung oder einer warmen Suppe vor der Tür.
Ich verstehe mich weniger als Tröstende, denn als Segelsetzerin. Mir gefällt das Sprichwort „Man kann den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen“. Mit meiner Rede setze ich die Segel so, dass sich der Blick noch einmal voll und ganz auf das Leben, das Licht und die Liebe richten kann – auf das, was gewesen und gewachsen ist. Und weiterwachsen darf.
